Allgemein

Leinenaggression zum Frühstück

Es ist bombastisches Wetter. Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne scheint, für eine Jacke ist es bereits um 9 Uhr zu warm. Daher mache ich mich mit Toni schon frühzeitig auf für einen entspannten Spaziergang. Entspannt, das ist wichtig. Nicht unbedingt im Sinne von entspannt, weil wir keine Hunde treffen, sondern entspannt, weil mich idealerweise nichts aus der Ruhe bringen soll, egal ob da jetzt ein anderer Hund kommt oder nicht. Challenge!

Erst gestern war ich bei einem Vortrag über das Training mit leinenaggressiven Hunden und mir tanzen noch einige Gedanken dazu durch die Birne. Ich sitze dann da, hör genau zu und finde doch meist alles ziemlich logisch und einleuchtend, was so erklärt wird. Doch wie in so vielen Lebenslagen heißt die Theorie verstanden zu haben noch lange nicht, es auch in der Praxis drauf zu haben.

Ich entscheide mich für den Wiesengrund als Gassiziel. Andere Hunde zu treffen ist hier mehr als wahrscheinlich, aber es ist auch genug Platz um Distanz aufzubauen und jemandem aus dem Weg zu gehen. An der Wiese angekommen erkenne ich prompt Herrchen und Hund, die wir aus der Hundeschule kennen. Wir beide winken, gehen aufeinander zu, um uns zu begrüßen und bleiben ein paar Meter voneinander entfernt stehen. Toni ist aufgeregt, möchte zu Pauli hin, wird aber relativ schnell ruhig an meiner Seite, als ich mich mit Paulis Herrchen anfange zu unterhalten. Eigentlich ganz gut oder?


Die beiden haben eine Verabredung mit Mathilda und ihrem Frauchen, die wir ebenfalls aus der Hundeschule kennen. Es dauert nicht lange und sie kommen. Als Mathilda ihren Pauli entdeckt, kommt sie in unsere Richtung gelaufen und die zwei begrüßen sich freudig ohne Leine, bereit zum Spielen.
Auch wenn ich in dieser Situation noch so gern entspannt bleibe würde, so bin ich nun intensivst damit beschäftigt, Toni zu halten und ihn nicht zu den beiden Hunden hindüsen zu lassen. Toni bellt, Toni hängt sich in die Leine, Toni wird gefrustet und zeigt umgelenkte Aggression. Mathilda wird böse angepöbelt.

„Was hat der Toni denn?“ Ja, was hat er denn? Wieso ist er denn so aggressiv, obwohl doch augenscheinlich kein Grund dazu ist?

Als ich mich mit Toni alleine weiter auf unseren Weg mache, bin ich genervt. Musste das jetzt sein… Kann mein Hund nicht einfach entspannt bleiben… Immerzu der gleiche Scheiß… Dass uns ein paar Meter weiter eine unangeleinte Französische Bulldogge entgegenprescht und sich von mir nicht wegschicken lässt, macht alles nicht besser.


Dann komme ich wieder zum Durchatmen und Nachdenken. Was hatte denn jetzt der Toni?
Ja Mensch, eine Extremsituation war das!!! Für Toni war sie das! Für andere Hunde vielleicht easy peasy, aber für Toni absolut schwierig! Da musste er sich schon super anstrengen, bei meiner Unterhaltung mit Paulis Herrchen wieder runterzufahren, was er im Übrigen ja wirklich super gemacht hat und dann kam eben der Megareiz. Hund kommt auf uns zu, Hunde begrüßen sich, bewegen sich, fangen auch noch an zu spielen und Toni darf nicht hin!

Wie ein Grundschulkind, welches gerade mit Müh' und Not das kleine Einmaleins meistert und eben mal eine Aufgabe zum Thema Differentialgeometrie vor die Nase geknallt bekommt!

Dieser Vergleich ist mir von dem Vortrag gestern besonders im Gedächtnis geblieben. Von unseren Kindern erwarten wir doch keinesfalls gleich Uni-Niveau. Von unseren Hunden merkwürdigerweise meist schon…


Wir gehen weiter Richtung Fluss, denn Toni will sicherlich plantschen. Dabei laufen wir kurz einen geteerten Weg entlang. Etwas weiter vorne lässt eine Frau ein paar Meter rechts vom Weg entfernt ihren Hund im Gras schnuffeln. Ich nehme Toni auf meine linke Seite und gehe weiter. Toni bemerkt den anderen Hund und spannt leicht seinen Körper. Die Schlaufen der Schleppleine halte ich in der rechten Hand, schirme damit den uns näherkommenden Reiz etwas ab. Meinen Körper richte ich zu Toni aus.
Und wir gehen einfach vorbei. Kein Theater, kein Terz.

Mega! Hab ich einen tollen Hund 🙂



* Vielen lieben Dank an Karsten Engelbrecht von dog walk & talk für die Bilder!

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Das stimmt, irgendwie tendiert man häufig dazu, zu viel zu erwarten. Mittlerweile habe ich akzeptiert, dass Kalle in manchen Situationen einfach seine Meinung sagen muss, wenn ein freilaufender Hund auf ihn zurennt. Auch wenn ich mir ebenfalls manchmal wünsche, dass mein Hund einfach entspannt wäre. 🙂 Ich versuche dann auch, vor allem die Situationen zu sehen, in denen er ruhig bleibt, obwohl es ihm wirklich schwer fällt.

    Liebe Grüße,
    Nora mit Mia und Kalle

  2. Sehr schön geschrieben … besonders der Teil, in dem man sich klar machen sollte, dass manches was wir als „Kleinigkeit“ abtun für unseren Hund vielleicht schon eine echte Leistung war.
    Bei uns wäre es für Shadow kein Problem entspannt neben mir zu sitzen, wenn in 5m Entfernung ein Hase spielt … für Cara wäre das schon auf 50m eine echte Leistung.

    Liebe Grüße,
    Isabella mit Cara und Shadow

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.